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Die Universalwährung

Von den Banknoten in unseren Portemonnaies zu den Tankstellen in Mosambik – überall auf der Welt hinterlässt das Unternehmen SICPA Spuren. Und beantwortet dabei eine uralte Frage: Was schafft Vertrauen?

Text: Paul Drzimalla

Ein Jeep im Süden Afrikas – das ist SICPA. SICPA, das sind vor allem aber Franken, Euro, Yuan. Das sind schimmernde Farben und detaillierte Grafiken, manche mit blossem Auge gar nicht sichtbar. Denn: SICPA produziert Farben für Banknoten, fast alle. Das Westschweizer Unternehmen hat in einer Branche das geschafft, was sich alle wünschen: konkurrenzlos zu sein. Ohne Grossinvestoren im Rücken, sondern bis heute als Familienunternehmen. Überall auf der Welt nutzen Zentralbanken die Sicherheitstinten des Unternehmens. Es unterstützt neben Zentralbanken auch Regierungen und andere öffentliche Institutionen im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen. Und stellt somit – quasi als Nebenprodukt – etwas her, das vielen als unbezahlbar und zugleich als die universellste Währung der Welt gilt: Vertrauen.

Melkfett, Tinte, Hightech
Wer den Aufstieg von SICPA zum weltweiten Technologiekonzern verstehen will, sieht sich zunächst vor einem Rätsel, das so schwer zugänglich ist wie der Hauptsitz in Prilly bei Lausanne. Wo Gitterzäune und Zugangskontrollen schnell klar machen, dass, wer Vertrauen geniesst, auch viel unternehmen muss, um es zu bewahren. «Die Entwicklung von SICPA war nicht geplant. Sie ist die Summe der Antworten, die wir auf bestimmte Probleme gefunden haben», erklärt Giulio Haas in einem dunklen Sitzungszimmer mit Aussicht auf den Genfersee. Er ist verantwortlich für Regierungsbeziehungen und Öffentlichkeitsarbeit von SICPA und hilft heute, das Geheimnis dieses Unternehmens etwas zu lüften: Die Firmengeschichte beginnt 1927 mit einem Produkt, das nichts mit dem weltgewandten Unternehmen von heute gemein hat: Melkfett. Zehn Jahre lang beliefert die «Société Industrielle et Commerciale de Produits Alimentaires» die Nahrungsmittelindustrie, bis sie unter dem heutigen Kurznamen ins Druckfarbengeschäft einsteigt. 1943 erfolgt der erste Auftrag einer Notenbank, bis zur Jahrtausendwende werden es über hundert weitere. Die Schweizer Sicherheitstinten werden zu Hightech-Produkten. Sie können Farben wechseln, metallisch glitzern, sich nur im UV-Licht zeigen. «Wir können gar nicht anders, als unsere Produkte immer weiterzuentwickeln», kommentiert Haas. «Fälschungssicherheit erfordert Innovation.»

Problemlöser aller Staaten
Vom Genfersee nach Malaysia ins Jahr 2005: Das Problem, mit dem das Land in Südostasien kämpft, hat mit Geld zu tun – und mit Zigaretten. Durch Schwarzhandel entgehen dem Staat jährlich Steuereinnahmen in beträchtlicher Höhe. SICPA arbeitet bereits für das südostasiatische Land und soll weiter helfen, die Steuerhinterziehung zu unterbinden. Das System, das dazu entwickelt wird, heisst «Sicpatrace». Es ist so leistungsfähig, dass es heute für Güter aller Art eingesetzt wird – von der Bierflasche bis zum Luxusprodukt. Neben Sicherheitsfarben spielt dabei, wie der Name bereits sagt, ein ausgeklügeltes Tracing, die Nachverfolgung, eine wichtige Rolle. Das Produkt – im Fall Malaysia eine Packung Zigaretten – wird bereits in der Fabrik erfasst und kann an jedem Punkt der Lieferkette auf seine Echtheit überprüft werden. Wird es irgendwo «abgezweigt», gibt eine Lücke in der Datenspur den entscheidenden Hinweis.

Zurück nach Prilly: «Am Anfang unserer Produktentwicklungen steht in der Regel ein Problem», so Giulio Haas. In vielen ärmeren Ländern machen Verbrauchssteuern einen grossen Teil der öffentlichen Einnahmen aus. Ein Schwarzmarkt oder gefälschte Produkte treffen Staaten, die mit einem knappen Staatshaushalt kämpfen, besonders hart. Es sind ausnahmslos Staaten, die SICPA anfragen und mit denen das Unternehmen Geschäfte macht. «Niemand soll unsere Lösung weiterverkaufen können», erklärt Giulio Haas. Bei B2G – Business-to-government – sei dies einfach auszuschliessen.

Die beste Lösung hat viele Feinde
Banknoten und Produktesiegel vermitteln durch ihr Äusseres Wertigkeit, Echtheit und damit auch: Vertrauenswürdigkeit. Was aber, wenn eine Ware nicht in kleinen Einheiten daherkommt? Auch Öl und Gas gehören zu den Gütern, die besteuert werden und so staatliche Infrastruktur mitfinanzieren. Oder, wenn sie dies eben nicht tun wie sie sollten, zum Problem werden. Wie in Mosambik. Das südostafrikanische Land ist sowohl Transitroute als auch Abnehmer für Treibstoffe, die einen grossen Teil des Energiebedarfs decken. Zugleich gehört es zu den ärmsten und, damit verbunden, korruptesten Ländern der Welt. Sechzig Millionen Dollar an Benzinsteuern entgehen gemäss Schätzungen dem Staat pro Jahr.

Die Lösung von SICPA für Mosambiks Problem gehört zum Komplexesten, was das Unternehmen bisher entwickelt hat (siehe Infografik rechts). Diese umfasst eine Markierflüssigkeit, die in geringsten Konzentrationen im Benzin nachgewiesen werden kann, mobile Labore, die überall im Land Benzintransporte prüfen und die Ergebnisse in Echtzeit an ein Zentrallabor übermitteln, eine zentrale Datenbank und ein Tracing-System, über das sogar Tankstellenbesitzer mittels Scanner die Echtheit und Reinheit einer Lieferung prüfen können. Eine Lösung, die jedermann die Kontrollmöglichkeit gibt – das ist «trust by design» also Vertrauen als Teil des Produkts – und gegen Korruption besonders effektiv.

Eine Lösung, die funktioniert: Innerhalb nur eines Quartals sind die Benzinsteuereinnahmen in Mosambik um dreissig Millionen Dollar gestiegen. Weitere Länder planen jetzt die Einführung des Systems. Das Potenzial ist riesig: Diebstahl, Panscherei, Schmuggel, illegaler Handel und Korruption kosten Staaten weltweit jährlich Milliarden. Geld, das freilich andernorts landet. «Jedem Steuerausfall steht ein Profiteur gegenüber», sagt Giulio Haas. «Wir machen uns mit dem, was wir tun, bei vielen Kreisen nicht beliebt.» Die Sicherheitsvorkehrungen sind deshalb hoch – in der Schweiz wie in den Ländern, in denen SICPA aktiv ist.

FÄLSCHUNGSSICHERHEIT ERFORDERT INNOVATION.

Wie digital kann Vertrauen sein?
Dass Sicherheit zentral ist, zeigt sich auch in der Mitarbeiterstruktur von SICPA. Das Unternehmen unterhält eine eigene Cyber-Sicherheitsabteilung. Wie gross sie ist, ist geheim. Auch andere IT-Experten sind im Unternehmen gefragt, das immer mehr mit Datenbank- und BlockchainLösungen arbeitet. Daneben sind Materialwissenschaftler und Optikspezialisten die wichtigsten Experten – denn zur Sicherheitstinte gehören häufig passende Analysegeräte, um deren Echtheit zu prüfen. Keine Frage: Die Anforderungen im Unternehmen sind hoch. Wie hoch, das verrät ein Blick aus dem Fenster in Prilly. Dort, wo Giulio Haas im diskreten Sitzungszimmer die vielen Fäden der Unternehmensgeschichte zusammenführt, wächst zwischen heutigem Hauptsitz und Genfersee ein neuer Campus. «Square One» heisst der Gebäudekomplex, der neben eigenen Büros auch Startups der stetig wachsenden technischen Hochschule EPFL beherbergen soll. Bereiche wie Künstliche Intelligenz und Quantencomputing sind auch bei SICPA gefragt. Know-how von ausserhalb zu holen, ist für das traditionsreiche Familienunternehmen ein Paradigmenwechsel. «Wir merken, dass die digitale Welt zu schnell und zu komplex ist, als dass wir End-to-End-Lösungen komplett selbst entwickeln können», so Haas.

Und dann sagt er etwas, das in der heutigen Businesswelt nur Wenige sagen würden: Nein, man wolle nicht das nächste Google sein. Ja, auch SICPA setze vermehrt auf Daten, verwende Blockchain-Technologien und habe eine kryptografische Unterschrift entwickelt, die auch beim Covid-Zertifikat zum Einsatz gekommen wäre (siehe Kasten S.30). Aber mit Daten Geld verdienen? «Das wäre das Ende unserer Reputation und unseres Geschäfts», ist Giulio Haas sicher. Und noch etwas: «Wir glauben, dass die Sicherheitslösung der Zukunft meist auch eine physische Komponente hat.» Bei rein digitalen Lösungen hinge das Vertrauen am Anbieter, bei physischen hingegen am Produkt selbst. Anders gesagt: Nachvollziehbarkeit schafft Vertrauen.

COVID-19- ZERTIFIKAT

Beinahe hätte es geklappt! SICPA kennen viele aus den Medien. Wäre das Covid-19-Zertifikat nämlich so gekommen, wie es im April 2021 geplant gewesen war, hätten Schweizerinnen und Schweizer eine weitere Sicherheitslösung von SICPA in den Händen gehalten. Doch es kam anders. Der Bund entschied sich im letzten Augenblick für eine Eigenentwicklung und gegen die Lösung, welche SICPA gemeinsam mit einer Partnerfirma entwickelt hatte

«SICPA glaubt an die eigenen Fähigkeiten in der sich abzeichnenden economy of trust», so Haas. Viele Probleme der Zukunft seien Vertrauensprobleme, und die müssten Staaten und ihre Regierungen lösen. «Die zukunftsträchtige Green Economy, also die Verbindung aus Ökonomie und Ökologie, wird es nicht ohne Kontrolle geben», meint er und richtet den Blick in die Ferne. Wer etwa sauberes Lithium für Batterien wolle, müsse dessen Herkunft nachweisen können. Solche Beispiele gebe es zuhauf. Überall sei SICPA gefordert, innovativen Lösungen zu finden. Und werde das auch schaffen. Hier, mit dem Genfersee, dem entstehenden Campus und einer fast hundertjährigen stringenten Unternehmensgeschichte vor Augen, kann man kaum anders, als diesem Versprechen – ja: zu vertrauen.

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