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«Eine einzelne Massnahme wird nicht ausreichen»

CO2 aus der Luft filtern und permanent im Boden versteinern: Das geht mit den Filtern des Start-ups Climeworks. In den nächsten Jahren will Climeworks ein Prozent der globalen jährlichen CO2-Emissionen aus der Luft abscheiden. Aber was passiert mit dem CO2 im Boden, wer bezahlt die Technologie und ist sie konkurrenzfähig? Christoph Gebald, CEO und Co-Founder von Climeworks nimmt im Interview dazu Stellung.

Text: Alena Sibrava

Herr Gebald, wer sind Ihre Kunden?

Heutige Kunden sind Unternehmen aus der Getränke- und Nahrungsmittelindustrie oder der Landwirtschaft, die CO2 als Rohstoff einsetzen. Beispielsweise die Gebrüder Meier, ein Gewächshausbetreiber in Hinwil. Neben diesen Branchen ist unsere Technologie aber auch für weitere Industriebereiche interessant, zum Beispiel Unternehmen, die synthetische Kraftstoffe oder synthetisches Erdgas herstellen und dafür CO2 benötigen.

Das in Island unter die Erde gebrachte CO2 hingegen wird an Unternehmen und Institutionen verkauft, die ihre unvermeidbaren CO2-Emissionen ausgleichen möchten. Und zwar nicht mit Offsetting, sondern mit direktem, physischem Entzug aus der Atmosphäre. Über weitere Climeworks-Projekte wird die Öffentlichkeit in den kommenden Monaten mehr erfahren.

«Alle Lösungen müssen Hand in Hand zusammenarbeiten, nur dann können wir etwas erreichen. »

Christoph Gebald, CEO und Co-Founder von Climeworks

Was kostet es, eine Tonne CO2 aus der Atmosphäre zu extrahieren und wie viel Energie muss dafür aufgewendet werden?

Die Kosten pro Tonne CO2 liegen für unsere allererste Anlage in Hinwil bei etwa 600 Schweizer Franken. Das ist in vielen Regionen der Welt bereits ein wettbewerbsfähiger Preis. In drei bis vier Jahren wollen wir bei einem Drittel sein – langfristig, spätestens bis 2030, bei 100 Schweizer Franken pro Tonne CO2.

Die in Hinwil 2017 verbaute Generation unserer Direct Air Capture-Technologie braucht Wärme (100 Grad Celsius) und elektrische Energie für den Betrieb. In Hinwil wird der komplette Energiebedarf durch die KEZO, die Kehrichtverwertung Zürcher Oberland, abgedeckt. Derzeit sind es 2.500 Kilowattstunden Abwärme und 500 Kilowattstunden Strom pro Tonne CO2. Die Optimierung des Energieverbrauchs ist eines der Kernziele von Climeworks. Schon die nächsten Anlagen werden hier signifikant niedrigere Bedarfe haben.

Wäre es nicht effektiver und günstiger, Wälder aufzuforsten statt CO2-Absorber zu installieren?

Es geht hier nicht um «oder», sondern um «und». Keine Frage, Bäume sollten unbedingt gepflanzt werden. Aber eine einzelne Massnahme wird nicht ausreichen, um die Klimaziele zu erreichen. Denn alleine der Platzbedarf und der Wasserbedarf sind bei Aufforstung enorm. Zum Vergleich: Ein CO2-Modul von Climeworks ist 200mal effizienter als ein Baum bezogen auf den Platzbedarf. Alle Lösungen müssen Hand in Hand zusammenarbeiten, nur dann können wir etwas erreichen. Dazu zählt, dass wir CO2-Intensität etwa durch das Ersetzen von Verbrennungsmotoren durch Elektromotoren reduzieren und in Energieeffizienz investieren. 

Was passiert unterirdisch nach der Versteinerung des CO2? Irgendwann ist doch der «Platz» aufgebraucht

CarbFix, ein Forschungsprojekt in Island, hat gezeigt, dass 95 Prozent des in den Boden gebrachten CO2 innerhalb von zwei Jahren mineralisiert wird. «Platz» hat es genügend: Reykjavik Energy hat bekannt gemacht, dass sie in Hellisheidi bis zu zwei Millionen Tonnen CO2 lagern könnten. Für die Lagerung in basaltischen Systemen ist Hellisheidi einer der besten Standorte der Welt. Im isländischen Rift-System könnten bis zu 50 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr gelagert werden, global geht man von bis zu 7‘000 Milliarden Tonnen aus, das ist drei Mal mehr als die Menschheit bisher emittiert hat.

Aus Problemstoff wird Wertstoff

CO2 aus der Luft filtern und beispielsweise als Kohlensäure an Hersteller von Süssgetränken verkaufen? Das geht mit den Filtern des Start-ups Climeworks. Aber die Vision der beiden Gründer geht weiter.

Letzte Aktualisierung: 14.01.2020