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«EIN MAGNET FÜR VISIONÄRE»

Schwerelos in Dübendorf? Was an einen Schlagersong erinnert, ist im UZH Space Hub Realität. Dort wird gemeinsam mit Unternehmen aus der Industrie an Lösungen für die Erde getüftelt. Wen braucht die Raumfahrt?

Oliver Ullrich, warum ist der Blick von oben auf die Welt faszinierend – und wichtig – für Menschen?
Vor 52 Jahren startete mit Apollo 8 zum ersten Mal ein bemannter Flug zum Mond. Jetzt sahen die Menschen ihre Erde erstmals als Ganzes: eine kleine, zerbrechliche Kugel, die über der Mondoberfläche aufging. Astronaut William Anders beschrieb es so: «Wir flogen hin, um den Mond zu entdecken. Aber was wir wirklich entdeckten, war die Erde.» Die Raumfahrt hat unseren Blick auf die Erde grundlegend verändert.

Inwiefern?
Sie ordnet uns unmissverständlich unseren Platz zu: den des staunenden Kindes, das versucht, sich ein Bild von der Welt zu machen.

Wie rechtfertigen Sie Projekte, die keinen direkten Nutzen erbringen, sondern vor allem diese Neugierde befriedigen?
Jedes Mal, wenn über eine Weltraummission berichtet wird, ruft jemand: «Zu teuer, zu wenig Nutzen!» Das Geld sei besser in die Bekämpfung der Armut investiert. Nur: Man kann mit dem Verzicht auf Raumfahrt keine Armut beseitigen. Verzicht auf Fortschritt hat die Menschheit  noch nie weitergebracht. Forschung braucht aber Zeit, ihre Ergebnisse sind nicht planbar, und ihre Anwendbarkeit ist unklar. Wenn wir aber aus Ungeduld nur auf angewandte Forschung setzen, werden wir bald nichts mehr haben, was wir anwenden können.

Wer in der Raumfahrt arbeitet, kann enorm viel dazu beitragen, die drängenden Probleme im Bereich Umwelt und Klima zu lösen.

Dennoch: Wie finanziert man das?
Forschung im Weltraum ist nicht teurer als Projekte vergleichbarer Grösse auf der Erde. Die Idee, dass Weltraumforschung teuer ist, ist ein Relikt aus früheren Zeiten. Heute kostet der Transport von 1 kg Nutzlast zur ISS und zurück kaum mehr als 5000 USD.  Was die Nutzung der Raumfahrt so kostspielig macht, sind die Einzel- und Kleinserienfertigungen – und Bürokratie. Die NASA hat mit der Freigabe des US-Teils der ISS für die kommerzielle Nutzung einen Schritt nach vorne gemacht. Wir selber haben Projekte, die von staatlichen Programmen unterstützt werden, aber auch Public-Private-Partnerships im Rahmen kommerzieller Projekte mit der Raumfahrtindustrie. Nicht zuletzt finanzieren wir das Schweizer Parabelflugprogramm, mit dem bereits 30 Experimente verschiedener Schweizer Hochschulen und Unternehmen durchgeführt wurden – ohne Steuergelder, dank  mitfliegender  Privatpersonen. Somit stehen durch die Freiheit, die wir in der Schweiz geniessen, verschiedene Konzepte zur Auswahl.

Sie leiten den UZH Space Hub. Was muss man denn als Studierende mitbringen?
Die Arbeit in grossen interdisziplinären und internationalen Teams ist Alltag. Jede Flugmission ist eine Grossforschungsmission, die lange und sorgfältige Vorbereitung erfordert. Da haben Zufall und Glück keinen Raum; Zuverlässigkeit und Sicherheit sind das A und O. Man muss neben einer hervorragenden Ausbildung und Grundfertigkeiten auch enormen Teamgeist besitzen, sollte belastbar sein und bereit für eine offene Fehlerkultur. Zudem muss man sich selbst hinter dem gemeinsamen Ziel zurücknehmen.

Was macht die Raumfahrt für den Nachwuchs spannend?
Die Branche ist ein Magnet für Visionäre, Neugierige und Mutige. Die wissen, dass Neues oft unerwartet kommt, anstrengt und Zeit kostet. Wir im Space Hub möchten brillante Studierende und Graduierte begeistern und eineStartrampe für Entdeckungen, Technologien und Unternehmungen sein. Wer in der Raumfahrt arbeitet, kann enorm viel dazu beitragen, die drängenden Probleme, z.B. der Umwelt und des Klimas, zu lösen. 

Sie selbst haben wichtige Erkenntnisse für die Medizin in der Schwerelosigkeit gesammelt ...
Die Erdschwerkraft war wahrscheinlich für die Evolution der Landlebewesen wichtig. Der menschliche Körper ist in Bau und Funktion an die Erdschwerkraft angepasst und – wie wir gerade zu verstehen beginnen – unsere Körperzellen auch. Eine unserer Erkenntnisse ist nun, dass es auf Zellebene ein beeindruckend schnelles Anpassungspotenzial an Schwerkraftänderungen gibt. Das kann zu einem Verständnis führen, wie mechanische Kräfte, die überall im Körper vorkommen, auf Ebene der Zellen und der Moleküle wahrgenommen und verarbeitet werden. So könnten eines Tages Krankheiten behandelt werden, in denen mechanische Kräfte eine Rolle spielen, wie beim Knochen- und Muskelabbau. Zudem haben wir gerade ein Verfahren entwickelt, mit dem wir aus menschlichen Stammzellen ganze Gewebe und organähnliche Strukturen im All züchten können. Dies ist wegen der Schwerkraft auf der Erde im Labor nicht ohne Weiteres möglich. Diese menschlichen Gewebe können zur Testung von Pharmaka, zum Ersatz von Tierexperimenten oder später einmal zur Transplantation eingesetzt werden.

Wie werden wir das All in 200 Jahren nutzen?
Die Zeiten des «Old Space», als Raumfahrt noch als teuer, elitär und ohne irdischen Nutzen galt, werden gänzlich vorbei sein. Die Liberalisierung der Raumfahrt im «New Space» wird Forschungs- und kommerzielle Aktivitäten im Weltall deutlich günstiger, einfacher und zugänglicher machen. Das Weltall wird immer mehr zur Werkstatt. Es geht aber nicht mehr nur um Forschung und Entwicklung. Der untere Erdorbit wird zum neuen Wirtschaftsraum der Erde in vielen Facetten. Im «Old Space» war die Raumfahrt durch die Interessen der nationalen Raumfahrtagenturen geprägt, im «Space 4.0» erleben wir eine Öffnung der Raumfahrt mit mehr Kooperationen, Raumfahrtakteuren, privaten Investoren. Dazu gehören auch Produktion, Transport, Tourismus, Banken und Versicherungen.

Oliver Ullrich ist Direktor des UZH Space Hub für Anatomie und arbeitet für das amerikanische und europäische Raumfahrtprogramm. Zudem ist Ullrich Professor für Raumfahrtmedizin in Jena, für Weltraumbiotechnologie in Magdeburg sowie Adjunct Professor am Beijing Institute of Technology.

Er ist gewähltes Akademiemitglied der International Academy of Astronautics, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft
für Luft- und Raumfahrtmedizin und Präsident der Swiss SkyLab Foundation.

UZH SPACE HUB

Das Innovationscluster der Luft- und Raumfahrt bündelt Wissen, Forschung und Entwicklung in den Bereichen Erdbeobachtung, Space Life Sciences, Astrophysik und Luftfahrt. Es arbeitet auf dem Flugplatzareal und im Innovationspark Dübendorf eng mit HSLU, HSG, ZHAW, ETH, Empa und der Universität Basel sowie weiteren Forschungspartnern im In- und Ausland zusammen. Der UZH Space Hub hat zudem mehrere Space Act Agreements mit der NASA.

Europaweit einmalig

Aufgrund der Kombination von Innovationspark und Flugplatz im Umfeld von Forschungseinrichtungen und Firmen soll eine europaweit einmalige Umgebung für Forschung,
Entwicklung und Unternehmertum entstehen. Ein Ort, an dem sich Wissen, Neugierde, Leistung und Bereitschaft zum Risiko entfalten können. Bereits heute tragen viele Ideen und
Neuerungen die Handschrift des «Dübendorfer Innovationsgeistes»: etwa die Entwicklung und Testung von Erdbeobachtungssensoren zur Erforschung der Ökosysteme unseres Planeten oder zur Detektion der Plastikverschmutzung der Weltmeere.

Zusammenarbeit mit der Tec-Industrie

Der UZH Space Hub arbeitet mit der Schweizer MEM-Industrie vor allem auf den Gebieten Messtechnik, Fluidtechnik, Photonics, Maschinen- und Apparatebau, Instrumenten- und Geräteentwicklung sowie Sensortechnologie für die Raumfahrt zusammen.
Die Einsatzgebiete reichen von Messtechnik auf Parabelflugmissionen (Fliegen in Schwerelosigkeit) bis hin zu Sensoren für die satellitengestützte Erdbeobachtung.

www.spacehub.uzh.ch

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