Tecindustry «Als Automatikerin stehen mir viele Türen offen»

«Als Automatikerin stehen mir viele Türen offen»

Carmen Camenzind ist 30 Jahre alt, Automatikerin EFZ und Dozentin am Sfb Bildungszentrum in Emmen. Im Interview erzählt sie, warum sie sich für eine technische Laufbahn entschieden hat, was sie an ihrer Tätigkeit fasziniert und wie sie ihr erworbenes Wissen auch privat zu nutzen weiss.

Das Interview führte Alena Sibrava, Swissmem

Du hast bei Victorinox in Ibach eine Lehre als Automatikerin EFZ gemacht. Was hat dich dazu bewogen, Automatikerin zu werden?
C. Camenzind: Anfangs war ich mir unsicher, welcher Beruf zu mir passt. Meine Interessen waren sehr vielseitig. In der Schule interessierten mich gestalterische Aufgaben, aber auch die Naturwissenschaften haben mich immer fasziniert. So habe ich zunächst verschiedenste Berufe in Erwägung gezogen und eine Schnupperlehre als Floristin gemacht. Dabei merkte ich aber schnell, dass mir etwas fehlte. Durch einen Test bei der Berufsberatung stellte sich eine Affinität zu technischen Themen heraus, was mich zunächst ein wenig überraschte. So ganz fremd war mir der Gedanke andererseits nicht. Mein Vater war Elektromechaniker und freiberuflich tätig. Als Kind durfte ich ihn manchmal zu Kunden begleiten und bei einfacheren Arbeiten – wie zum Beispiel Kabel abisolieren – mithelfen. Das hat mir immer Spass gemacht.

Es wählen immer noch deutlich weniger Mädchen eine technische Lehre als Jungen. Wie hast du diesbezüglich deine Lehrzeit erlebt?
Es ist schon so, dass man als Frau in den technischen Berufen klar in der Minderheit ist. Meistens gab es pro Lehrgang noch ein bis zwei andere Mädchen. Als nachteilig habe ich dies nicht erlebt. Ich wurde immer überall gut aufgenommen und hatte nie das Gefühl, dass die Erwartungen an mich grösser gewesen wären als an meine männlichen Kollegen. Es war vielleicht eher so, dass ich von mir aus dachte, ich wolle mich beweisen und dadurch einen besonderen Ehrgeiz entwickelte.  

Was fasziniert dich an deiner Arbeit?
Als Automatikerin hat man mit den verschiedensten Branchen zu tun – in meinem Fall waren dies bislang vor allem die Holz-, die Lebensmittel- oder die Automobilindustrie. Sie alle stossen gelegentlich auf irgendeine technische Herausforderung; etwas, das nicht einwandfrei läuft oder optimiert werden soll. Als Automatikerin wird das Problem an dich herangetragen und du musst eine Lösung finden. Dabei hat jede Firma ihre eigenen Technologien und Prozesse, die es zu berücksichtigen gilt. Dadurch ist meine Arbeit extrem vielseitig und spannend. Was mir auch gefällt, ist, dass man als Automatikerin nicht nur bei der Planung involviert ist, sondern ein Projekt bis zur Inbetriebnahme der Maschine begleiten kann und so den direkten Nutzen sieht, den die eigene Arbeit dem Kunden bringt. Waren die Prozesse vorher mühsam, sind sie nachher einfach. War davor viel Handarbeit nötig, so sind sie nachher automatisiert. Dies zu sehen, ist sehr erfüllend.

Wenn du zurückblickst, was waren die Highlights deiner bisherigen beruflichen Karriere?
Bevor ich Anfang 2020 zu meinem ehemaligen Lehrbetrieb Victorinox zurückkehrte, war ich vier Jahre bei LCA Automation als Projektleiterin tätig. Diese vielseitige Aufgabe und Verantwortung hat mir grossen Spass gemacht. Ich war für die technische und kommerzielle Leitung von Kundenprojekten zuständig – vom Engineering bis zur Endabnahme im Kundenwerk. So durfte ich zum Beispiel für zwei Grossprojekte nach Shanghai reisen und im Werk eines namhaften Automobilzulieferers die Endabnahme zweier Maschinen zur Herstellung von Lenksäulen für die Automobilindustrie begleiten. Als Projektleiterin bist du die erste Ansprechperson vor Ort; vermittelst zwischen dem Projektteam und dem Kunden und findest Lösungen, wenn Schwierigkeiten auftauchen. Meist steht man unter hohem Zeitdruck, aber wenn dann alles vorbei ist, die Maschine läuft und der Kunde zufrieden ist, ist es ein tolles Gefühl, so viel erreicht zu haben.

Du hast in der Zeit bei LCA Automation auch interimistisch die Projektkoordination mit der Niederlassung in Mexiko geleitet. Wie war das?
Aufgrund einer firmeninternen Umstrukturierung durfte ich während 8 Monaten die operative Leitung der Aftersales-Abteilung übernehmen. Dies beinhaltete auch die Koordination der Projekte mit der Tochtergesellschaft in Mexiko. Einmal wöchentlich leitete ich das Meeting mit den Kollegen vor Ort. International tätig zu sein und mit verschiedenen Mentalitäten in Berührung zu kommen, empfinde ich ebenfalls als grossen Vorteil meines Berufs. Das versuche ich übrigens auch meinen Schülerinnen und Schülern am Sfb weiterzugeben: Wenn du willst, stehen dir als Automatiker viele Türen offen. Du kannst im Inland oder im Ausland tätig sein, dich auf eine Branche oder Technologie spezialisieren oder als Generalist mehr koordinative Aufgaben übernehmen. So wie es deinen Fähigkeiten und Interessen entspricht.

Du sprichst deine Lehrtätigkeit am Sfb, dem Bildungszentrum für Technologie und Management in Emmen, an. Seit diesem Jahr unterrichtest du an einem Tag pro Woche nebenamtlich den Grundlagekurs zur Automatisierungstechnik. Wie kam es dazu?   
Ein ehemaliger Kollege machte mich auf die Stelle aufmerksam. Der Software-Fokus interessierte mich und so bewarb ich mich. Ich dachte, es sei eine gute Möglichkeit, mein Wissen in diesem Bereich à jour zu halten. Zudem habe ich mich schon immer gerne mit jungen Leuten ausgetauscht. Privat bin ich als Trainerin in einem Unihockeyclub für Junioren und Juniorinnen tätig und gebe Snowboard-Kurse für Kinder. Was ich an der höheren Fachschule schön finde, ist, dass sie auch für Quereinsteiger zugänglich ist. So können zum Beispiel auch interessierte Polymechaniker an den Kursen teilnehmen, was zu einer guten Durchmischung führt und für den Unterricht sehr bereichernd ist.   
 
Wissen an junge Menschen weiterzugeben, ist eine sehr schöne und sinnstiftende Aufgabe. Siehst du in deiner Tätigkeit auch einen Nutzen für die Umwelt?
Bei der Planung von Maschinen und Anlagen geht es oft darum, möglichst energieeffiziente Lösungen zu finden – nicht zuletzt, weil sich diese für den Kunden auch finanziell auszahlen. Um ein Beispiel zu nennen: Einmal haben wir die Lüftungsanlage eines Schreinereibetriebs energieeffizient gemacht. Durch das Einbauen einer Klappensteuerung haben wir dafür gesorgt, dass Lüftungen nicht unnötig offenstanden. Zudem haben wir eine Frequenzumformersteuerung eingebaut, damit die Lüftung nicht dauernd auf Volllast lief, wenn es keine Volllast brauchte. Durch kleine Massnahmen kann viel Energie eingespart werden, was sich positiv auf die Umwelt auswirkt.

Haben die Anforderungen an energieeffiziente Produktionsabläufe in den letzten Jahren zugenommen?
Ja, das ist definitiv so. Die Kunden machen für sich die Rechnung und kommen mit ihren Anforderungen auf uns zu. Manchmal handelt es sich nur um kleine Optimierungswünsche, wie zum Beispiel, dass die Displays von Maschinen nach Gebrauch ausschalten. Das mag vielleicht banal klingen, aber bei weltweit tätigen Firmen, die mehrere Produktionsstandorte haben, zahlt sich so eine Anpassung in der Summe schnell mal aus. Auch Pressluft wird sinnvollerweise abgeschaltet, wenn man sie nicht braucht, weil der Energieverbrauch recht hoch ist.

Wenn du heute nochmals wählen könntest, würdest du wieder Automatikerin werden?
Darüber habe ich schon öfters nachgedacht. So unsicher ich zu Beginn bei der Berufswahl noch war, so überzeugt bin ich heute, dass ich mit der Lehre als Automatikerin genau den richtigen Weg eingeschlagen habe. Ich finde, Automatiker ist ein sehr guter Grundberuf, um sich -  wenn der Wunsch danach besteht - anschliessend in alle möglichen Fachrichtungen weiterzuentwickeln. Auch privat kann ich das erworbene technologische Wissen nutzen. Ich baue gerade mein Einfamilienhaus komplett um und kümmere mich um die ganze Haustechnik, inklusive PV-Anlage auf dem Dach. Auch wenn mal etwas kaputtgeht, kann ich vieles selber reparieren. Das Technische liegt mir, klar. Ich bin aber auch ein sehr kommunikativer Mensch und der Austausch mit anderen Menschen ist mir wichtig. Das Schöne an meinem Beruf ist, dass sich beide Interessen und Fähigkeiten miteinander verbinden lassen.

 

 

Letzte Aktualisierung: 04.08.2021